Fakultätstagung “Fundamentalismus” Teil 1: Das Definitionsproblem

Fundamentalismus = Festhalten an Überzeugungen?

Lieber Leser, treue Leserin, falls du diesen Post als Resumée der Fakultätstagung zum Thema „Fundamentalismus“ nach dem kürzlich publizierten „Rückblick zur Barth-Tagung“ mit Spannung erwartet hast: Ich muss dich leider enttäuschen. Nein, so zynisch kann ich, will ich diesen Beitrag nicht verfassen. Dies aus mehreren Gründen:

1. Will ich nicht noch stärker als Fundamentalist gelten als ich es durch meine evangelikal-freikirchlichen Überzeugungen bereits tue.

2. War ich Gast mit „Ausnahmebewilligung“, da benimmt man sich höflich.

3. Als Evangelikaler wurde ich sehr wohlwollend aufgenommen. Keine kritischen Bemerkungen im Sinne „läutender Alarmglocken wegen Biblizismus“. Evtl. lag dies daran, dass sich die Teilnehmer durch das Tagungsthema der Schwierigkeiten von Kategorisierungen bewusst wurden und dahingehend sensibilisiert waren.

4. Es gab keine Gelegenheiten während der Tagung, die zur Ironie oder zu Zynismus im Folgenden drängen würden (oder doch??). Ehrlich.

Als erstes stand vor und während der Tagung auf dem ehrwürdigen „Leuenberg“ die ehrliche Freude, an diesem Anlass teilnehmen zu können, auch wenn ich nicht an der alma mater Basel studiere. Herzlichen Dank dem dafür verantwortlichen Professoren R.

Nun aber zur Sache. FUNDAMENTALIST! Möchtest du lieber Leser, und seine weibliche Form, so angesprochen, beurteilt, abgeurteilt, verunglimpft, bewertet, eingeschätzt, kritisiert und taxiert werden? Nein? Verständlich. Der Begriff ist in unserer Zeit äusserst negativ konnotiert. Was Blitzt als erstes durch meinen Kopf, wenn ich das Wort höre, lese, sehe? Bärtige Männer mit Kopftuch und Waffe, im Schneidersitz vor irgendeiner Lehmhütte? Was hat der Begriff mit mir, mit dir, mit uns zu tun?

Abgrenzung gegenüber Andersglaubenden, Zentrierung auf eine Führungspersönlichkeit, Dualismus, Radikalismus, Moralismus, Gewaltneigung, Strenggläubigkeit, Autoritäre Strukturen, Modernitätsverlierer…

Ist Fundamentalismus: Eine Gesinnung, eine Handlungsorientierung, eine Sozialstruktur? Ist Fundamentalismus eine rückwärtsgewandte Utopie oder eine Rückkehr der Religion? Eine Modernitätsverweigerung oder erst aufgrund der Moderne entstanden?

Die Anwendung des Begriffes stellt den selbstkritischen und selbstreflektierten Anwender vor grosse Herausforderungen, da es sich beim Terminus nicht um einen wissenschaftlichen Ausdruck, sondern um eine, ehemals positiv verstandene, Selbstbezeichnung der sog. konservativen Protestanten in den USA handelte.

Alles begann mit der Schrift „The fundamentals: A testimony to the truth“ aus dem Jahre 1917, wo in der Einleitung zu lesen ist:

„Criticism in the hands of Horne and Hengstenberg does not banish or destroy the inspiration of the Old Testament. But, in the hands of Spinoza, and Graf, and Wellhausen, and Kuenen, inspiration is neither pre-supposed nor possible.”[1]

Christen, welche sich zu den, in dieser Schrift genannten Grundlagen zur Hermeneutik der Bibel einverstanden erklärten, bezeichneten sich selber als Fundamentalisten. Da geht es um die Einleitungsfragen zu AT und NT, um das Verständnis der Inspiration der jeweiligen Schreiber und dgl. mehr. Keinerlei Verquickung von Politik und Glaube, schon gar keine Gewaltbereitschaft. Ausgearbeitet wurde das Werk von dannzumal namhaften Theologen der Princeton University und war somit tief im akademischen Reflexionsprozess verankert.

Abgeleitet aus den Axiomen von The Fundamentals kann dann religiöser Fundamentalismus unter folgende Aussagen gestellt werden:

  • Bild eines strengen, fordernden, richtenden, strafenden Gottes
  • Motiv der drängenden Zeit (Endzeit)
  • Missionsbefehl
  • Vorstellung der Erwählung
  • Glaube an die Unfehlbarkeit (nicht zu verwechseln mit Irrtumslosigkeit!) der Heiligen Schriften
  • Glaube an die Einzigkeit der Heilsvermittlung

Und bereits wird ersichtlich: Ausgehenden von diesen Aussagen kann religiöser Fundamentalismus in allen drei monotheistischen Religionen vorkommen. Und es zeigt sich, dass auch Luther, Zwingli, Calvin fundamentalistische Gesinnungen in sich trugen. Klar, der Fundamentalismusbegriff hat, wie oben beschrieben, etwas mit Verweigerung der Moderne zu tun. Daher ist dieser Vergleich nicht ganz „koscher“, um auch mit dieser Bezeichnung im religiösen Umfeld zu verbleiben.

Wichtig ist bei solchen Deuteansätzen sicher, diese multiperspektivisch anzuwenden und nicht einer Komplexitätsreduktion zu verfallen, welche selber wiederum im Fundamentalismus enden kann.

Nach Meyer ist Fundamentalismus denn auch „nicht Kennzeichen bestimmter Religionen, sondern eine sozialpsychologisch bedingte Weise ihrer Handhabung.“



[1] Torrey, R. A. et al. The Fundamentals : The famous sourcebook of foundational biblical truths. Vol 1. (Los Angeles: Bible Institute), 28.

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pOSTMODERN iST aLLES und alles ist *ostmodern…p

Klein aber fein

Haaaallooooo! Kann mir mal jemand sagen was die „Postmoderne“ eigentlich ist? Was sie auszeichnet? Was ihren Gehalt und ihre Gestalt darstellt?

Alles ist postmodern. Vor allem mein Kontext. Sagt man. Ausser dass die Postmoderne etwas mit Beliebigkeit zu tun hat und der Negation von Autoritäten, kann jedoch meist nicht viel dazu ausgeführt werden. Ja, sie folgte auf die Moderne. Aber wann? Und ist sie schon vorbei? Befinden wir uns bereits mitten im Sozialkonstruktivismus? Oder noch am ausfransenden Rand der Moderne? Hat jede Epoche ihre eigene Postmoderne, resp. Postromantik, ihren Postidealismus? Ist das Ende von den grossen Erzählungen schlussendlich nicht selber eine grosse, grosse Erzählung? Und ist die PoMo wirklich jemals bis zur Basis gelangt oder blieb sie hängen im akademischen Oberbau irgendwo zwischen Foucault und Derrida? Und kam allenfalls ein kleines Wölkchen bis nach unten und breitet sich nun im Volk aus, sozusagen als Legitimation alles zu dürfen und zu wollen, unverbindlich zu bleiben bis ans Lebensende (sodann man überhaupt an ein Ende glaubt) und Erfahrung über Wissen zu stellen, überhaupt grundsätzlich alles in Frage zu stellen? Und hatten wir das mit den Fragen nicht schon mal bei der Aufklärung? Hat nicht die Moderne da mal endlich Struktur rein gebracht?

Fragen über Fragen über Fragen…

Wie löst man dieses Dilemma? Wer hat zur PoMo wirklich was zu sagen? Im Ernst, wer will sich schon freiwillig Lyotard’s „Der Widerstreit“ antun oder Derrida’s „Grammatologie“ nur um einige sprachphilosophisch-hermeneutische Gedankenspiele aus der Feder DerriDaDa’s vorgeführt zu bekommen?

Also ein kurzes, kleines Büchlein gesucht und gefunden. Mit dem aussagekräftigen Titel „Postmoderne“. Von Roger Behrens, seines Zeichens Verfasser des „Adorno-ABC“. Der muss dazu ja wohl was zu sagen haben. Hat er auch. Im Sinne der Postmoderne. Denn viele Fragen bleiben unbeantwortet:

„Mit einer genauen Definition tun sich selbst die postmodernen Theoretiker schwer. Fest steht nur, dass sie mit der Moderne als Epoche in enger Beziehung steht. Die Frage ist nur: In welcher Weise?“[1]

Da haben wir’s! Und Umberto Eco ist auch nicht zuversichtlicher was die Begriffsbestimmung angeht:

„Unglücklicherweise ist ‚postmodern‘ heute ein Passepartoutbegriff, mit dem man fast alles machen kann. Ich habe den Eindruck, dass ihn inzwischen jeder auf das anwendet, was ihm gerade gefällt.“[2]

Unbestimmtheiten, Fragmentarisierung, Hybridisierung, Karnevalisierung, Konstruktcharakter. Mein Rechtschreibprogramm stammt offensichtlich aus der Moderne, denn es bekundet Mühe mit diesen Begriffen, welche Ihab Hassan als Merkmale der Postmoderne charakterisiert.

Aber so langsam wird der Leser durch Behrens in das Denken der PoMo eingeführt. Nietzsche als „Grossvater der Postmoderne“ rückt in ein neues Licht, die prägendsten Philosophen werden vorgestellt, PoMo in Kunst, Literatur, Architektur, Film (Pulp Fiction!). Und schliesslich bleibt auch eine kritische Betrachtung der Meta-Erzählung „Postmoderne“ nicht aus.

Ein kleines, gut lesbares Büchlein zur Einführung. Und demjenigen, dem bei den vielen Ausdrücken schwindlig wird und sich eigentlich doch noch ganz als Mensch fühlt, auch im Jahr 2012, dem sei das „Lexikon der Postmoderne“ ans Herz gelegt: Von Abjekt bis Zizek, von Gender-Studies bis zur Postanalytischen Philosophie. Hier findet sich alles, was das PoMo Herz begehrt. Da steht dann z.B.:

Erhabene, das Der ästhetische Begriff des Erhabenen geht zurück auf Edmund Burke …, der es als dritte Kategorie neben dem Schönen und dem Hässlichen diskutiert. Das Erhabene beschreibt das Gefühl im Betrachter, der mit Unendlichkeit und Unermesslichkeit konfrontiert ist und dadurch Schauder, Schrecken und Ehrfurcht empfindet.“[3]

Ob dieses Gefühl bezeichnend ist für die Postmoderne? Ja dann lies mal 3Mo 3,3-5 oder Karl Barth’s Lehre von der Heiligkeit Gottes als Eigenschaft Gottes. Alles schon dagewesen. Postmoderne.



[1]Roger Behrens, Postmoderne, 2. Aufl. (Hamburg: Europäische Verlagsanstalt, 2008), 6.

[2]Umberto Eco, zitiert aus Ebd., 8.

[3]Patrick Baum und Stefan Höltgen (Hg.), Lexikon der Postmoderne (Bochum: projekt verlag, 2010), 69.

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