sola scriptura

Davids Blog zu theologischen und weniger wichtigen Themen

N.T. Wright: Paulus, Erfinder der Theologie

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Im März 2014 referierte N.T. Wright anlässlich der «Lanier Library Lectures» zur Theologie von Paulus. Der rund einstündige Vortrag wurde ergänzt durch eine Q&A-Session (ab 58:00) mit interessanten Fragen wie «Können Sie in aller Kürze die Theologie des Heiligen Geistes bei Paulus darlegen» oder «Gibt es eine ‘Wright Perspective on Paul’»?

Den Inhalt des Referates habe ich als Arbeitshilfe für mich frei zusammengefasst. Weil im Referat zentrale Gedanken aus Wrights Theologie zur Sprache kommen, stelle ich meine Notizen hier gerne auch interessierten Leserinnen und Lesern zur Verfügung.

Hat Paulus die Theologie erfunden? Wie und wieso?

Wright zeigt auf, dass Paulus Aussagen im Neuen Testament sich sowohl von den Fragen des Judentums, wie auch der griechischen Philosophie vehement unterschieden haben.

Das frühe Judentum und die Messiaserwartung

Das frühe Judentum vertrat keine eigentliche Theologie, wie wir sie heute kennen und die danach fragt, wie Gott verstanden werden kann. Für die jüdische Gemeinde im 1. Jahrhundert hatte sich Gott in der Geschichte offenbart bei Abraham, Isaak, Jakob oder im Exodus. Die zentrale Frage der jüdischen Gelehrten zur Zeit von Paulus war: Wann kommt Gott zurück? Jesus selber knüpfte an die jüdische Tradition an und ermutigte – im Gegensatz zu Paulus – nicht dazu, das Wissen und die Bedeutung von Gott zu reflektieren und zu entwickeln. Was Jesus sagte war eine Ankündigung in Weiterführung der Verheissungen aus dem Tenach, nicht eine theologische Erklärung. Diese Ankündigung lautete: Gott wurde König.

Theologie als Spekulation in der griechischen Philosophie

Wenn in der Philosophie zur Zeit des Paulus überhaupt von Theologie gesprochen werden konnte, dann im Wesentlichen als Form von Spekulationen über die Welt der Dinge und der Götter. Theologie war nicht eine Aktivität wie bei Paulus, die den ganzen Menschen umfasste, sondern eine rein kognitive Tätigkeit.

Paulus als Erfinder der Theologie: Narrativ und Reflexion

Was die Leserschaft des Neuen Testaments bei Paulus ausmachen kann, ist in dieser Hinsicht eine Mischung von jüdischem und griechischem Gedankengut. Er verband den jüdischen Narrativ aus dem Tenach mit Analyse und Reflexion. Damit ist Paulus der erste eigentliche Theologe.

Paulus greift die Messias-Erwartung des Judentums und die Ankündigung Jesu, dass Gott König wurde und diese Erwartung in ihm erfüllt wurde, auf und führt beides im Sinne einer gedanklichen Durchdringung weiter.

Die zentrale Aussage von «Paul and the faithfulness of God»

An dieser Stelle weist Wright darauf hin, dass offensichtlich viele seiner Kritiker und Rezensenten die zentrale Aussage seines umfangreichen wissenschaftlichen Werkes «Paul and the faithfulness of God» leider nicht verstanden hätten (10:50).

Wright betont, dass es in seiner gesamten Buchreihe um die Weltanschauung (worldview) geht. Es steht beim Paulusband also nicht im Zentrum, worauf Paulus seinen Blick richtet, sondern durch welche Brille er dabei sieht.

Die Brille der Weltanschauung, früher und heute, besteht aus einem Netz vieler impliziten Stories und kulturellen Symbolen. Im frühen Judentum fanden sich diese Symbole u.a. in den Festen, der Wallfahrt zum Tempel, der Beschneidung etc. Symbole sind identitätsstiftend und zeigen an, zu welcher Gemeinschaft jemand gehört.

Die Kirche als weltanschauliches Symbol

Das Zentrum von Paulus symbolischem Universum waren nun nicht länger jüdische Symbole, sondern die Kirche, verstanden als Gemeinschaft der Heiligen. Dieses Symbol ist es, was die Leute der Strasse früher und heute sehen (oder nicht sehen) und dabei Gewahr werden, dass etwas Neues begonnen hat und wie man sich dieses Neue vorstellen kann. Eine neue Realität wird damit sichtbar, die ihren Anfang in Tod und Auferstehung Jesu genommen hat.

In dieser Gemeinschaft kommen Leute unterschiedlichster Ethnie und sozialen Standes zusammen. Was die römische Herrschaft wollte, aber nie zustande gebracht hat, wird Realität in dieser neuen Form von Gemeinschaft: der Kirche.

Diese neue Familie ist das Zeichen, dass Jesus Christus der Herr ist und nicht der Kaiser. Damit ist die Kirche als Symbol das Merkmal für die sichtbare und die unsichtbare Welt, dass die verkündigte Gute Nachricht tatsächlich eingetroffen ist. Gott wurde König!

Das Anliegen von Paulus ist es nun, dass die Christen dieses neue Symbol «Kirche» als ihre Brille tragen und dadurch ihren neuen Glauben, ihr Leben und ihr Umfeld betrachten. Dieses Anliegen gibt Paulus in seinen Briefen mit Inbrunst an die Gemeinden weiter.

Weil aber die Kirche und dieser neue Glaube keine sichtbaren identitätsstiftenden Merkmale mehr trägt, ist das zentrale Element für die neue Brille der Weltanschauung, zu verstehen wie Gott ist.

Fragen nach der Story in jeder Generation

Wieso hat Paulus nicht eine Dogmatik oder wenigstens einen Katechismus hinterlassen? Wright vergleicht das Handeln von Paulus mit der Redewendung: «Gib jemandem einen Fisch und er ist versorgt für einen Tag. Lehre ihn fischen und er ist ernährt für sein Leben».

Also: Gib jemandem ein Dogma und er ist beruhigt, solange sich seine Fragen um den Gegenstand des Dogmas drehen. Gib jemandem eine neue Weltanschauung, lehre ihn, theologisch und in Christus zu denken und er wird ein wertvolles Glied der Kirche.

Das Neue Testament will kein Rezeptbuch sein, das in Stein gemeisselt ist. Es ermutigt jede Generation, ihre Sache frisch anzugehen («afresh», vgl. dazu das Ordinationsgelübde in der Anglikanischen Kirche mit dem Versprechen, das Evangelium jeder Generation «afresh» zu verkündigen). Neue Erkenntnisse wie Gott ist (Monotheismus), wer sein Volk ist (Ekklesiologie) und was es zu tun hat um Gottes Sache (Eschatologie) voranzubringen (Mission), sollen gewonnen werden.

Damit meint Wright nicht, dass jeder und jede Theologie studieren muss, sondern, dass er/sie sich mit seinem ganzen Sein in den Dienst Gottes stellt und damit Teil der hermeneutischen Gemeinschaft der Kirche wird.

Theologie als Herausforderung für Paulus

Wright beschreibt die Theologie für Paulus als Herausforderung, die in drei Stufen kommt.

1. Eine neue Form der Erkenntnis

Röm 12:1-2; Gal 4:8ff.; 1Kor 8 u.a. Erkenntnis kommt durch Jesus Christus und die Transformation des Menschen durch den Glauben. Wirkliche Erkenntnis ist nicht die des Menschen über Gott, sondern Gottes Erkenntnis des Menschen. Und hier zählt in erster Linie die Liebe. In Phil 2 verbindet Paulus diese neue Form der Erkenntnis direkt mit der Einheit und Heiligkeit der Kirche. Vgl. Phil 3:19, wo Paulus davor warnt, Gedanken und Erkenntnisse auf irdisches zu bauen.

2. Eine neue Form von menschlichen Wesen

Kol 3:10. Theologie ist Aktivität und nicht Spekulation, weil die neue Form der Erkenntnis sich auf die glaubende Existenz auswirkt und zur Transformation führt.

3. Eine neue Art von Aufgaben

Für die Kirche als neues weltanschauliches Symbol ergeben sich auch neue Aufgaben, die sich von denen des Judentums und der griechischen Philosophie unterscheiden. Diese Aufgaben finden ihren Grund und ihre Verwurzelung in den grossen Erzählungen der Schrift (Schöpfung, Fall, Bund, Exodus etc.) und führen das vorgezeichnete Drama im fünften und letzten Akt von Gottes Story weiter. Nach Paulus bedeutet Theologie, zu lernen, wie wir im fünften Akt und mit dieser Story Gottes leben können. Theologie zeigt auf, welchen Platz der Mensch darin einnehmen soll. Für Paulus besteht die neue Aufgabe darin, in der Schrift und im Gebet verwurzelt zu sein (jüdisch) und darüber zu reflektieren (griechisch), wer dieser Gott ist, wer sein Volk ist und wohin es geht:

Ein Gott, ein Volk Gottes, eine Zukunft für das Volk Gottes. So bringt Paulus den jüdischen Narrativ, transformiert durch Jesus Christus in immer neuen Kontexten (Städte, Länder, Publikum) «afresh» zum Ausdruck.

Paulus erfand die neue Disziplin Theologie, für die es zuvor keine Entsprechung gab, nicht als Theorie. Theologie bei Paulus ist immer Aufgabe der Kirche, damit sie Gottes Volk sein kann. Theologie dient der Kirche als Wegweiser in einer sich verändernden Welt.

Wright geht anschliessend genauer auf die drei Themen Monotheismus, Ekklesiologie und Rechtfertigung, sowie Eschatologie ein.

Monotheismus

Paulus stellt in einem Kontext der Vielgötterei klar, dass Christen keine Polytheisten sind. Er knüpft damit direkt beim jüdischen Monotheismus an. Zentral für seine Argumentation ist das Sh’ma Israel (5Mo 6:4): Höre Israel, Jahwe ist unser Gott, Jahwe ist einer.

In 1Kor 8:6 nimmt Paulus das Sh’ma auf. Diese ntl. Stelle ist das Herz des christlichen Gebets, verwurzelt in der jüdischen Tradition und transformiert durch Tod und Auferstehung Jesu.

Ekklesiologie und Rechtfertigung

Wie öfters, plädiert Wright auch an dieser Stelle dafür, das Neue Testament nicht länger mit den Fragen des Protestantismus im 17. Jahrhundert zu lesen und nur die Antwort auf die Frage nach dem gnädigen Gott zu suchen. Paulus lehrt nicht über Rechtfertigung, um nur zu sagen, dass Glaubende gerechtfertigt sind und ihre Sünde vergeben ist.

Den grösseren Kontext der Rechtfertigung zeigt Wright folgendermassen auf: Du musst wissen, dass du gerechtfertigt bist vor Gott, damit wir alle gemeinsam, Juden und Heiden, an einem Tisch zusammenkommen können.

Die Betonung bei Paulus liegt also nicht auf der Rechtfertigung des Einzelnen, sondern auf der Einheit im neuen Volk Gottes, der Kirche.

Das Thema der Einheit wurde auf Kosten der Rechtfertigung durch die Reformation komplett ausgeblendet. Die Kirche ist nur dann Zeichen für die Mächte und Gewalten, sie zeigt nur dann, dass Gott seine Königsherrschaft angetreten hat und über diese Mächte triumphiert, wenn sie vereint ist und Einheit lebt.

Ironischerweise ist es seit vielen Jahren und Jahrhunderten so, dass die Frage der Rechtfertigung und Erwählung die Kirchen teilt, statt sie eint.

Eschatologie

Das eschatologische Verständnis ist zentral um zu wissen, welche Aufgaben die Kirche hat. Die Eschatologie prägt wesentlich den Inhalt der Mission:

„We have to think wisely about what God’s future for the world is, not least so that we can engage in mission! If you think, that God’s future for the world is that he’s gonna throw the world in a trash can and leaves some of us sitting on a cloud playing harps, then your mission would simply be to rescue and train a few more celestial harpists.“ (44:50)

Wenn Christen glauben und hoffen, dass in der Auferstehung Jesu eine neue Schöpfung begonnen hat und wir durch den Heiligen Geist Teil davon und Vertreter auf Erden sind, dann ändert sich unser Verhalten.

Wir tun heute die Dinge, die im Augenblick unscheinbar sind, aber im etablierten Königreich dereinst umso stärker leuchten werden. Unser Handeln im Jetzt hat Auswirkungen auf die Zukunft. Das ist für Paulus Teil seiner Rede über die Auferstehung. Und das gibt der Kirche Hoffnung für ihr Handeln, mitten in einer von Ungerechtigkeit geprägten Welt.

In all diesen Aspekten geht es Paulus nicht um eine dogmatische Festlegung. Seine Aussagen sind sehr praktisch. Sie sind Grundlage für eine Kirche die heilig, anbetend, gemeinschaftlich, zeugnis- und zeichenhaft ist.

Drei aktuelle Reflektionen

1. Eine Herausforderung für die systematische Theologie

Viele systematische Theologen behaupten zwar, sie würden sich in ihren Aussagen auf die Bibel gründen, stellt Wright fest. In Wirklichkeit aber würden sie ihre Konzepte um einzelne Verse organisieren, Bibelstellen wie «Zucker über ihre Cornflakes» streuen. Das erste Jahrhundert und der Kontext von Jesus und Paulus würden kaum beachtet. Systematische Theologie entspringt gemäss Wright grundsätzlich viel zu wenig dem Narrativ und damit der Grundintention der Bibel.

Systematische Theologie muss sich der Herausforderung stellen, wieder stärker den Kontext von Jesus und Paulus und der Intention der Schrift Beachtung zu schenken.

2. Eine Herausforderung, mit Begriffen und Themen zu arbeiten

Soteriologie und Erlösung sind wichtige Themen. Aber wenn die Theologie darauf reduziert wird, kann sie in einen Gnostizismus verfallen. Und das geschah oft in der älteren und jüngeren Theologiegeschichte. Gnostizismus beschreibt nicht nur den Glauben einer Jahrhunderte alten Sekte.  Es ist auch die übliche Sicht eines nachaufklärerischen Menschen.

  • Den antiken Gnostizismus definiert Wright folgendermassen: Einige Menschen haben einen Funken in sich, der die richtige Erkenntnis und Erleuchtung darstellt. Diese Menschen sind die Erleuchteten, die Aufgeklärten. Etwas wurde ihnen enthüllt/offenbart. Dadurch sind sie fähig, sich frei von der sie umgebenden Kultur zu bewegen.
  • Elemente davon finden sich in der Aufklärung: Die (westliche) Welt ist erleuchtet, weil man weiss, wie die Welt funktioniert. Als Individuum kann man tun und lassen was man will, weil nur das Ich zählt und man sich für den Nächsten nicht zu interessieren braucht.
  • Die christliche Version eines nachaufklärerischen Gnostizismus: Der Funke ist vielleicht ein wenig christlich, wir wissen um was es geht und eines Tages fliegen unsere Seelen davon in den Himmel. Daher müssen wir Christen uns auch nicht um die Schöpfung und unsere Mitmenschen kümmern (ausgenommen ein wenig Nächstenliebe), weil die Schöpfung dinglich ist und eines Tages sowieso vergeht.

Das ist jedoch weit entfernt von einer biblischen Sichtweise des Glaubens und der Zukunft. Es fehlt die Transformation durch Christus, welche den ganzen Menschen in Anspruch nimmt und wandelt. Auch die Zukunft wird eher in Richtung harfenspielender Wolkenbewohner gedreht, statt eine biblische Eschatologie von neuem Himmel und neuer Erde zu entwickeln. Was heute gut, schön und wahr ist, wird gesteigert und dereinst vollkommen sein. In dieser Perspektive zeigt sich auch die Doktrin der Erlösung in anderem Licht. Es geht nicht mehr darum, dass das Individuum gerechtfertigt ist, sondern, dass wir als Glaubende Volk Gottes und bereits schon heute Teil von Gottes neuer Schöpfung sind.

Wright erläutert kurz, dass es Teil der NPP (New Perspective on Paul) ist, durch eine veränderte Sicht auf die Fragen der Rechtfertigung und Erlösung zu dieser biblisch-eschatologischen Theologie zu gelangen (51:17)!

3. Theologie als Betätigung in hermeneutischer Gemeinschaft

Schliesslich beschreibt Wright die Kirche als hermeneutische Gemeinschaft, in der Jung und Alt, Berufstheologen und Laien einen gleichwertigen Beitrag leisten können zur Interpretation der biblischen Story. Theologie ist nicht eine Aktivität einer Elite, sondern Tätigkeit aller Mitglieder der Kirche. Auch in der hermeneutischen Gemeinschaft ist Zentrum aller Theologie das Gebet.

Grosses Kino: Risen

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Ich bin grundsätzlich ein kritisches Filmpublikum, wenn es um Streifen mit christlichem Inhalt geht. Jüngste Enttäuschung war der US-amerikanische Kassenschlager God’s not dead aus dem Jahr 2014. Sämtliche Klischees werden bedient. Alle Protagonisten bekehren sich, die Wunderheilung von Krebs ist ebenso zu sehen, wie das Auto, das nach Gebet des Pastors wieder anspringt. Kurzum: Platt, ohne Tiefe, fast schon ironisch. Und oh Schreck: Folge 2 ist dieses Jahr in amerikanischen Kinos bereits angelaufen und schwappt bald über den Teich.

Umso begeisterter bin ich vom Film Risen. Die Story der Auferstehung Jesu wird hier aus der Perspektive des römischen Tribun Clavius (Joseph Fiennes, hier ein Interview zum Film) erzählt.

Der Film setzt ein bei der Kreuzigung und zeigt Clavius als erfolgreichen kriegerischen Handlanger vom Präfekten Pilatus. Als Vertrauensmann erhält er den Auftrag, das Geheimnis um eine angebliche Auferstehung des jüdischen Wanderpredigers Jeschua zu lüften und damit möglichst rasch Ruhe in die aufgeheizte Situation in Jerusalem zu bringen. Denn in wenigen Tagen trifft der Kaiser aus Rom ein. Der hat wenig Interesse an einem selbsternannten König des revoltierenden jüdischen Volkes.

Die Kreuzigung, Auferstehung und die «Himmelfahrt» (die übrigens gerade nicht als Himmel-Fahrt gezeigt wird, man lasse sich überraschen) des Nazareners werden damit aus einer ungewohnten und dadurch aufrüttelnden Perspektive gezeigt. Biblische Erzählung und Fiktion, Drama und Elemente von Thriller und Action mischen sich. Doch gerade diese Mischung macht den Reiz des Filmes aus. Der Plot zeigt, dass die Auferstehung ein dramatisches Ereignis mit politischen Folgen war und rückt die gezähmten Sonntagsschulerzählungen in ein gänzlich anderes Licht (trotzdem, Kindern sollte man den Film mit den aufgedunsenen Leichen ersparen). Manche, in der Theologie vernachlässigte Dimensionen, kommen bildgewaltig zum Ausdruck: die dauernd präsente Messiaserwartung im Judentum des zweiten Tempels, die politisch aufgeheizte Situation zwischen jüdischen Revolutionären und römischer Herrschaft, die kollidierenden Glaubenssysteme der heidnischen Römer und der monotheistische Jahwe-Glaube der Juden.

Es wird deutlich, dass das Evangelium, verstanden als „Gute Nachricht“ im Sinne einer Ankündigung eines neuen, anderen Königs, sowohl das jüdische, wie auch das römische Paradigma stark ins Wanken bringen musste. Ein auferstandener König der Juden würde das Fass zum Überlaufen bringen. So wird den Zuschauern der historische Kontext des ersten Jahrhunderts in Jerusalem eindrücklich vor Augen gemalt. Dabei kommt der Film ohne platte christliche Phrasen aus und die knapp 110 Minuten Spieldauer erlauben es, den Charakter von Clavius, sein Zweifeln und sein allmähliches Umdenken beinahe greifbar zu machen.

Filme mit biblischem Inhalt, die sich nicht wortwörtlich an die Bibel halten, müssen aus christlichen Kreisen oft Kritik einstecken. Ich höre diese Leute bereits Raunen, wenn Petrus gegen Ende nicht nackt im Boot gezeigt wird, bevor er seinem Rabbi durch das Wasser entgegenläuft (Joh 21:7). Relevanter scheint mir jedoch, dass der Film die Auferstehung als nachvollziehbare und zum Denken anregende Story beschreibt und gängige christliche Klischees genauso ins Wanken bringt, wie die Auferstehung dannzumal die jüdischen und römischen Paradigmen.

So wird das Ereignis der Auferstehung als Mysterium mit ungeahnten Ausmassen für die Menschheit dargestellt. Die Bedeutung, welches man dem Gesehenen zuschreibt, muss schliesslich jede und jeder für sich selber klären. So wie Clavius auch. Der Film macht deutlich, dass Glauben für die christliche Existenz unerlässlich ist. Selbst als Clavius gegen Ende des Filmes in der Dunkelheit der judäischen Wüste neben diesem geheimnisvollen Rabbi mit Namen Jeschua sitzt, fällt es ihm schwer, sein Herz ganz hinzuwenden:

«Ich weiss nicht mal, was ich sagen soll.»

«Sag es frei heraus.»

«Ich kann mir das alles einfach nicht erklären. In der Welt, die ich kenne…»

«Mit eigene Augen hast du es gesehen und doch zweifelst du? Stell dir vor wie die Zweifeln, die es nie gesehen haben, wenn es ihnen begegnet.»

Der Film eignet sich sowohl für christliche Zuschauer, wie auch für Publikum, das wenig Bezug zum Glauben hat. Am 16. April 2017 ist Ostern, das Fest der Auferstehung. Wir werden unsere Freunde aus dem Dorf zu diesem Film einladen. Der sorgt sicher für interessante Diskussionen.

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